Die Siegessäule als Sprachrohr von Nazis


Nachdem wir bereits in diesem Post das Problem angesprochen haben, überbietet die neue Ausgabe der Siegessäule in puncto Rassismus meine bescheidenen Erwartungen. Homophobie, von der Siegessäule bisher mit Nachdruck als migrantisch-islamisches Problem konstruiert, wird nun auch mit der Hautfarbe verknüpft. Gleich auf Seite 6 unter dem Bild einer überdimensionalen geballten Faust “gegen den Hass” beginnt der Artikel von sisa mit folgendem Absatz:

„Ja“, lautete seine Antwort, als ihn Freitagnacht Mitte Oktober zwei afrodeutsche Jungs in der U-Bahn fragten, ob er schwul sei. Zuvor hatten sie Holger am Bahnhof Mehringdamm dabei beobachtet, wie er sich mit einem Kuss von seinen Freunden verabschiedete. Als sich am Halleschen Tor die Türen des Waggons öffneten, droschen ihm die Männer mit voller Wucht ins Gesicht und türmten. Gebrochener Kiefer. Krankenhaus. Nur einer von mehreren Überfällen auf Lesben und Schwule in diesem Jahr.

Hervorhebung von mir. Danach geht sisa – als gäbe es keine anderen Beispiele – zu dem immer wieder bemühten homophoben Artikel im arabischsprachigen Al Salam über und berichtet von dem Runden Tisch des Integrationsbeauftragten des Berliner Senats, “um mit Vertretern von Migrantenverbänden und Homoorganisationen” über Homophobie zu diskutieren.

Mit diesen Artikel ist das Thema noch nicht erschöpft: Auf der Seite 18 präsentiert die Siegessäule die Umfrage “Ist der Islam eine homofeindliche Religion?”, bei der neun Personen zu Wort kommen, deren Kompetenz in Bezug auf Islam weder erkennbar ist noch irgendwie erklärt wird. Bei der Aussage von Franz, 60, musste ich laut lachen:

Hier, bei uns, ist es, denke ich, nicht so schlimm. In den Schulen sind die Migranten wohl halbwegs integriert und einigermaßen offen für die deutsche Tradition.

Homofreundlichkeit ist deutsche Tradition?! Franz, 60, sollte es eigentlich besser wissen. Vielleicht hat er im Geschichtsunterricht gepennt. Die Schilderung von Mehmet, 43, lässt sich auch auf Deutschland und die meisten der christlichen Länder Europas übertragen:

Im größten Teil der Türkei sind die Leute nicht mit Homosexuellen konfrontiert. In Istanbul ist das anders. Dort gibt es größere Sicherheit für Schwule und Lesben. Aber Istanbul ist nicht der Rest des Landes.

Interessant ist auch die widersprüchliche Erklärung von Georg, 59:

So, wie er sich darstellt, ist der Islam eindeutig homosexuellenfeindlich. Zur Begründung wird immer auf den Koran verwiesen, aber das steht da gar nicht so eindeutig. Dennoch werden schwulenfeindliche Maßnahmen durchgeführt.

Vielleicht wäre es korrekter gewesen, statt “wie er sich darstellt” zu sagen: “wie er dargestellt wird”, und nach den Ursachen der Homophobie zu forschen, nachdem sich der Koran nicht mehr als Quelle des Bösen zitieren lässt? Im Artikel “Liebe ist ein Menschenrecht” auf Seite 39 wird der Film von Parvez Sharma “A Jihad for Love” vorgestellt, in dem u.a. ein schwuler Imam zu Wort kommt. Dass die Konstellation nicht unproblematisch ist, wird nicht verschwiegen, doch macht sie auch deutlich, dass man schwul und ein vorbildlicher Muslim sein kann. Wie steht es übrigens mit den schwulen Priestern in der katholischen Kirche der Gegenwart? Die Frage beantwortet die ZDF-Sendung 37° “Schwul vor Gottes Angesicht“:

Wenn in der katholischen Kirche alles nach römischem Willen laufen würde, dann gäbe es sie gar nicht: die drei katholischen Geistlichen, die sich in “37º” der Kamera stellen. Denn Pater Theo Koster OP (55), Diakon Christian L. (41) und Pfarrer Sebastian (52) sind homosexuell veranlagt. Homosexuelle aber dürfen keine Priester werden, wie der Vatikan erst jüngst wieder offiziell betont hat.

Aber das ist ja gerade so typisch für solche Weltbilder, dass sie ihren eigenen Widersprüchen gegenüber grenzenlos tolerant sind. Auch typisch ist, die Frage in Bezug auf eine Religion zu einer Frage der Herkunft bzw. der “Ausländerproblematik” umzudeuten, als wäre es dasselbe. Das ist es anscheinend für Katharina, 31, zu deren haarsträubend arroganten und xenophoben Aussage mir echt nicht mehr viel einfällt:

Gerade bei Migranten gibt es viel Erstarrung, die man aufweichen muss.

Beim Weiterblättern werde ich das klebrige Ekelgefühl nicht los. Meine Erfahrung ist, dass man Homophobie und andere menschenverachtende Einstellungen bei allen möglichen Menschen vorfinden kann, und je fundamentalistischer sie denken, umso wahrscheinlicher ist es. Ich bin Christen begegnet, die genau das erzählen, was die Siegessäule als islamisches Problem predigt. Ich bin deutschen Jugendlichen begegnet, die mich beschimpft, angespuckt oder bedroht haben. Ich kenne Leute, die deswegen umziehen mussten. Von solchen Erlebnissen berichtet die Siegessäule nicht. Auch den Aufruf zur Demo gegen Homophobie und Transphobie in Hellersdorf am Samstag, den 1.11.08 in Kaulsdorf, den ich aus dem Blog F*cking Queers zitiere, kann man in der Siegessäule vergeblich suchen:

für mehr Respekt in Hellersdorf
Angriffe auf Homosexuelle in Hellersdorf:
Vor Kurzem wurden Menschen aufgrund ihrer Homosexualität zu Boden geschlagen, getreten und beschimpft! Das ist nicht das erste Mal.
Wir alle sind wiedermal aufgerufen ein Zeichen gegen Diskriminierung jeglicher Art zu setzen!
Denn wir wollen und können nicht dulden, dass Menschen, die nicht der Heteronormativität entsprechen, diskriminiert und attackiert werden!
Deshalb kommt alle:
Treffpunkt: am Samstag, den 1.11.08 um 14 Uhr
U Bhf. Kaulsdorf Nord (U 5)

Ebenso wenig empört sich das “queere Magazin” über Christival, “reparative Therapien” und Ex-Gay-Bewegung, Elektroschocks und brutale Verhaltensmodifikation, Vatikan oder den ganz normalen homophoben Alltag in Kleinpopelhausen. Anstatt sich die reale Vielfalt der Homophobie vor Augen zu führen, zwingt die Siegessäule ihren Leser_innen ein rassistisches Feindbild auf, und das so aufdringlich, dass man ihm nur ausweichen kann, indem man das Blatt nicht mehr liest.

In manchen anderen Ländern würde so etwas übrigens gegen den Pressekodex verstoßen. So schreibt z.B der Pressekodex der Schweiz Diskriminierungsverbot vor:

Bei Berichten über Straftaten dürfen Angaben über ethnische Zugehörigkeit, Religion, sexuelle Orientierung, Krankheiten, körperliche oder geistige Behinderung gemacht werden, sofern sie für das Verständnis notwendig sind. Die Nennung der Nationalität darf keine Diskriminierung zur Folge haben: sofern sie nicht systematisch erwähnt (und also auch bei schweizerischen Staatsangehörigen angewendet wird), gelten die gleichen restriktiven Bedingungen wie für die übrigen in dieser Richtlinie genannten Angaben. Besondere Beachtung ist dem Umstand zu schenken, dass solche Angaben bestehende Vorurteile gegen Minderheiten verstärken können.

Ähnlich steht es im US-amerikanischen, britischen und kanadischen Pressekodex. Auch der Ethikkodex der Gesellschaft Professioneller Journalisten (Society of Professional Journalists – SPJ) vertritt den Standpunkt, Journalist_innen sollten:

— Ihre eigenen kulturellen Erfahrungen hinterfragen und es vermeiden, diese Werte anderen aufzuzwingen.
— Stereotypisierung nach Hautfarbe, Geschlecht, Alter, Religionszugehörigkeit, ethischer und geographischer Zugehörigkeit, sexueller Orientierung, Behinderung, Aussehen, oder sozialen Status vermeiden.

Durch die Nennung der Abstammung, Herkunft und Religion homophober Täter_innen wird ein erklärender bzw. kausaler Zusammenhang zu ihrer Tat hergestellt, wobei bei Täter_innen, die sich nicht mit Migration oder Islam in Verbindung bringen lassen, solche Angaben regelmäßig ausbleiben. Oder habt ihr schon mal in der Siegessäule gelesen: “Deutsche Jugendliche verprügeln Homosexuelle” oder “Weiß-deutsche Männer aus Neukölln belästigen Lesben”? – dabei sind solche Ereignisse Alltag.

Interessant ist übrigens auch, mit welcher Selbstverständlichkeit solche Zuschreibungen wie Herkunft und Religion getätigt werden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Opfer der Übergriffe ihre Täter_innen nach ihren religiösen Überzeugungen, ihrer Abstammung und ihrer Herkunft befragen, während sie einer Faust oder einem Baseball-Schläger ausweichen müssen. Sie konstruieren diese Zusammenhänge im Nachhinein, indem sie das Aussehen der Täter_innen unter dem rassistischen Filter ihres Weltbildes auswerten. Dass nun auch die Hautfarbe der Täter_innen wie in dem eingangs genannten Artikel für homophobe Gewalt herhalten muss, ist Rassismus in reinster Form, den ich auch von der Siegessäule noch nicht erwartet hätte.

Quelle

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