Mißverständnisse in der Schwulenbewegung. Ein Gespräch mit Martin Dannecker


»Die Vorstellung, in dieser kapitalistischen Welt frei schwul sein zu können, war uns fremd«

Martin Dannecker, Jahrgang 1942, ist Sexualwissenschaftler und lebt in Berlin. Im Rahmen des Christopher Street Days in Berlin bekam er am Samstag den »Preis für Zivilcourage« verliehen

Da die Schwulen vom Spießer als krank und minderwertig verachtet werden, versuchen sie noch spießiger zu werden, um ihr Schuldgefühl abzutragen mit einem Übermaß an bürgerlichen Tugenden. Sie sind politisch passiv und verhalten sich konservativ als Dank dafür, daß sie nicht totgeschlagen werden.« Mit diesen Worten begann 1971 der Film »Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt« von Rosa von Praunheim, zu dem Sie das Drehbuch schrieben. Stimmt diese Kritik noch?
Die Kritik ist in Teilen auch heute noch berechtigt. Die damalige Formierung der Schwulen war noch stark geprägt von der Erfahrung der Verfolgung im Nationalsozialismus und der Anwendung des Paragraphen 175 in verschärfter Form in der BRD. Diese Ausgrenzung und Verfolgung erzeugte bei vielen den Wunsch nach Anerkennung, auch um den Preis des Verschwindens der eigenen schwulen Existenz. Das ist insofern auch verständlich, aber als politischer Weg völlig nutzlos, weil es einen Souverän anerkennt, dem man nicht die Entscheidung über die eigene Sexualität und deren Ausprägung überlassen sollte. Bei Resten der Schwulengruppen der 60er konnte man das recht deutlich sehen, und auch in Debatten um die Eingetragene Lebenspartnerschaft flammt dieses Verhalten teilweise auf. Die Illusion, rechtlich gleichberechtigt und damit anerkannt in der Gesellschaft zu sein, ist weit verbreitet. Man kann Gleichberechtigung nicht mit Akzeptanz verwechseln.

Sehen Sie die Eingetragene Lebenspartnerschaft, die seit 2001 besteht, als Teil dieser Anpassung?
Die Eingetragene Lebenspartnerschaft ist außerordentlich wichtig für binationale Partnerschaften, und eine völlige rechtliche Gleichstellung mit der Ehe wäre begrüßenswert. Daß die Initiative ergriffen wurde, ist auch kein Widerspruch zur generellen Diskussion um gemeinsame Lebensformen. Der ganz große Trend unter Homosexuellen ist es ohnehin nicht geworden. Es gibt paradoxerweise neben der Heterosexualisierung der Schwulen aber auch deutliche antischwule Effekte, die zeigen, daß es mit der Normalisierung von homosexuellen Verkehrsformen nicht so weit her sein kann. In der Debatte um pädosexuelle Übergriffe wurde Pädosexuelles mit Homosexuellem vermischt, wie ich es nicht mehr für möglich gehalten habe.

Sie gelten als einer der Gründerväter der deutschen Schwulenbewegung. Kann man überhaupt von einer homogenen Bewegung sprechen?
Die Bewegung war nicht homogen. Es gab zu Anfang einen radikalen Flügel, der in Frankfurt/Main von der Roten Zelle Schwul, abgekürzt »Rotzschwul«, und in Westberlin von der Homosexuelle Aktion Westberlin repräsentiert wurde. Die beiden Gruppen kamen aus der politischen Linken. Die Vorstellung, in dieser kapitalistischen Welt frei schwul sein zu können, war uns fremd, insofern wurde die eigene schwule Identität mit der Frage nach der Revolution verknüpft. Es gab aber auch Schwulengruppen, deren Ziel es war eine stärkere Integration in die Gesellschaft zu erreichen. Insofern läßt sich die Schwulenbewegung nicht homogenisieren. Unterschiedliche Formen von der provokativen Parole »Schwule Säue wollen Schwule Säue sein« bis hin zur Forderung nach Eingetragener Partnerschaft waren das Ergebnis. Gemeinsam war aber die Überzeugung, daß im Schwulsein alle aufgehen sollten, egal ob angepaßt oder nicht angepaßt, ob Tunte oder SM-Ledertyp.

Hat für Sie der Christopher Street Day noch eine politische Bedeutung?
Der CSD bekommt seinen politischen Charakter durch die Darstellung der verschiedenen schwulen Sexualitäten und Identitäten. Der CSD ist eben auch schrill, laut und bunt und schafft es damit, die Differenz des schwulen Begehrens, die sich eben nicht so leicht kategorisieren läßt, auszudrücken. Insofern empfinde ich auch die Parade als Form äußerst gelungen, sie zeigt sehr gut die Pluralität der Homosexuellen.

Aber auf diesem Event findet doch auch eine Objektivierung der Schwulen statt. Über den CSD berichten viele Medien, getrieben aus einer Mischung aus Abscheu und Faszination.
Die Illusion, die Schwulen gehen auf in der Normalität, wird von vielen Schwulen ja geteilt. Der CSD entspricht seiner Außenwirkung nach eben so gar nicht diesem sehr biederen Bild von Normalität. Sogar viele Schwule fühlen sich dann ihrer Illusion beraubt. Normalität als Wert an sich scheint bei Homosexuellen verankert zu sein. Die Faszination bei Heterosexuellen verwundert dann auch nicht weiter. Homosexuelle sind allein auf Grund ihrer Sexualität »abweichend«. Bei den fortgesetzten Pädosexualitätsskandalen fällt dann aber auf, daß es mit der »Normalität« der Heterosexuellen nicht weit her sein kann. Insofern ist »sexuelle Normalität«, egal ob Hetero oder Homo, wohl eine Illusion.

Auf dem Berliner CSD bekamen Sie am vergangenen Sonnabend den »Preis für Zivilcourage« Die Philosophin Judith Butler lehnte den Preis aus politischen Gründen ab. Haben Sie mit ihr wissenschaftliche Gemeinsamkeiten?
Wir kommen zwar aus unterschiedlichen Generationen, aber Butlers Ansatz mit dem Wort »Queer« eine neue Begrifflichkeit einzuführen, die niemanden ausschließt, finde ich ungeheuer interessant. Darüber hinaus ist der von ihr geprägte Begriff »Heteronormativität« ausgesprochen brauchbar.

Butler empfiehlt den Transgenialen CSD als die bessere Veranstaltung. Unter dem Motto »Gewaltige Zeiten – gewaltiger queerer Widerstand!« findet sie am diesen Samstag statt.
Der politische Anspruch ist dort stärker und akzentuierter, aber aus meiner Sicht kein Gegenmodell zum CSD. Die Thematisierung des Nicht-Aufgehens in sexuelle Kategorien, aber auch von homophoben Übergriffen, von sozialer und Ausgrenzung im Allgemeinen ist enorm wichtig. Der transgeniale CSD leistet damit eine notwendige Ergänzung.

Quelle

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter CSD, Gay, History, Schwul veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s