Alle unschuldig


Duisburg, 24. Juli: »Individuelle Schwächen« (Oberbürgermeister Adolf Sauerland) Foto: AP

Eine Mischung aus Unfähigkeit, Gleichgültigkeit und Gier nach kommerziellem Erfolg bestimmte offensichtlich die Planungen für die sogenannte Love Parade in Duisburg, bei der am Sonnabend 19 Menschen ums Leben kamen und mehr als 340 verletzt wurden. Eine Fortsetzung fand dieses Verhalten am Sonntag in einer Farce von Pressekonferenz mit Veranstaltern und Vertretern der Stadt – nun mit »Bestürzung« und »Entsetzen« ergänzt. Immerhin beschlagnahmte die Staatsanwaltschaft am Sonntag die Planungsunterlagen der kommunalen Verwaltung. Am Tag zuvor waren 16 Menschen nach einer Massenpanik an der einzigen Zugangsrampe zum Veranstaltungsort tot aufgefunden worden, drei Verletzte starben im Krankenhaus.

Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) kündigte am Sonntag eine lückenlose Aufklärung an, meinte aber, voreilige Schuldzuweisungen dürfe es nicht geben. Dafür bot er Floskeln an wie: »Ich hoffe, daß wir sehr schnell erfahren werden, … wo Probleme aufgetreten sind, und wo unter Umständen auch Fehler begangen worden sind.« Er machte »individuelle Schwächen« für die Katastrophe verantwortlich. Der amtierende Polizeichef Detlef von Schmeling widersprach am Sonntag der These von einer Massenpanik. Vielmehr sei das Unglück durch Besucher ausgelöst worden, die über einen Container und einen Lichtmast auf das Gelände gelangen wollten und dabei gestrauchelt seien. Schmeling erklärte außerdem, die Polizei könne nicht die Zahl von 1,4 Millionen Teilnehmern bestätigen, die sie selbst am Sonnabend verkündet hatte. Schmeling und der Duisburger Sicherheitsdezernent Wolfgang Rabe behaupteten außerdem, der Veranstaltungsplatz, der 250000 bis 300000 Besuchern Platz bieten würde, sei auch zum Unglückszeitpunkt nicht überfüllt gewesen.

Mit Realitätsverweigerung reagierte auch der als Panikforscher bezeichnete Duisburger Physikprofessor Michael Schreckenberg, der am Sicherheitskonzept der Veranstaltung mitgearbeitet hatte. Spiegel online zitierte ihn mit den Worten, mit stürzenden Menschen hätten die Organisatoren nicht rechnen können: »Das ist das Werk von einzelnen.« Nach eigenen Angaben hatte sich Schreckenberg die Gegebenheiten vor Ort nicht angeschaut.

Am Samstag war gegen 17 Uhr eine Panik an dem einzigen Zugang zu der Techno-Party ausgebrochen, als Besucher Absperrungen überkletterten und dann abstürzten. Polizeigewerkschaft und Augenzeugen erhoben schwere Vorwürfe gegen den Veranstalter. Das Duisburger Veranstaltungsgelände sei viel zu klein für den erwarteten Besucherandrang gewesen, erklärte der stellvertretende Landesvorsitzende der Polizeigewerkschaft, Wolfgang Orscheschek. Die Menschen seien Opfer »materieller Interessen« geworden. Auf dem Internetportal http://www.DerWesten.de wurde lange vorab über zu schmale Zugänge für das Gelände diskutiert. Ein Kommentator schrieb dort z. B. am 4. Juni: »Nein, wirklich sehr, sehr schade, hätte gut werden können, aber sowas… da bleib ich zu Hause! Tottrampeln lassen wollte ich mich eigentlich nicht!«

Die Love Parade war 1989 in Berlin ins Leben gerufen worden. Im Jahr 2007 wechselte die Veranstaltung ins Ruhrgebiet. Im vergangenen Jahr fand die Stadt Bochum kein geeignetes Gelände für die Techno-Party und sagte die Veranstaltung daher ab. In diesem Jahr fand sie in Duisburg erstmals auf dem abgeschlossenen Gelände des alten Güterbahnhofs statt.

Friedlich, fröhlich, tot
Ein deutsches Sommermärchen

»The Art of Love« lautete das Motto der Love Parade 2010 in Duisburg: die Kunst der Liebe. Wie viele Lügen sind in diesen vier Worten? Jedenfalls bezahlten 19 Menschen dafür, beziehungsweise für ihre Teilnahme an dem aufdringlichen Massenschwindel, mit ihrem Leben; 342 weitere wurden verletzt. Die Verlautbarungen der Kondolenzkamarilla ließen nicht lange auf sich warten: Merkel, Wulff et cetera versicherten sich selbst ihrer Fähigkeit, Schmerz, Trauer, Entsetzen und ähnliche Mediengefühle auszustellen. Wider solch routinierte Ausscheidungen hilft das antidotische Reimen: Mensch, bleibe heiter, du kennst es ja schon: Je hohler, je pleiter, desto mehr Inflation.

Politikerhafte Pietätsheuchelei muß man den meisten der verbliebenen Love-Parade-Teilnehmern immerhin nicht vorwerfen; sie feierten einfach weiter. »Was sollten wir machen?« klagten ein »Lars« und ein »Alka« einem WDR-»1Live«-Update-Radioreporter. »Wir kommen aus Heilbronn!« Das mag manchem allzu lapidar erscheinen; wer aber Heilbronn kennt, muß den schlichten Jungs recht geben: Was sollten sie machen? In Heil!bronn jedenfalls werden der Lars und der Alka es niemals erfahren.

Andere Raver, andere Schmerzen: »Es war fast wie Silvester– kein Netz!« monierte empört eine »Agnes«, und zwei weitere Love-Parade-Besucherinnen sekundierten: »Das Netz war so überlastet – man konnte kaum telefonieren.« Ärgerlich, ja empörend ist es, wenn der Kundenservice streikt– vor allem, wenn man außer Kundesein nichts gelernt hat.

Während ich mich noch fragte, warum immer die dümmsten Nüsse überleben und das auch noch allen erzählen müssen, hörte ich weiter WDR-»1Live«-Update – die Moderatorin im Studio sprach mit den Ich-bin-hier-draußen-schwer-professionell-vor-Ort-Reportern über Menschen, die tatsächlich gestorben waren, und alles war mit lockeren Beats unterlegt. Das Inhumane hat viele Gesichter – eins davon ist die plaudernde Partyvisage samt Plapperzunge, die alles in die Breite schwatzt und, sei es nur aus Furcht vor Entdeckung der eigenen Flachheit, jede potentielle Tiefe unterbindet. Es winden sich die Hirne, es singt der Rundfunkchor: Je weicher die Birne, desto härter ’s Brett davor.

Am erstaunlichsten an der ganzen Angelegenheit aber war, daß niemand abließ zu jammern, »friedliche und fröhliche junge Menschen hätten doch nur feiern und ihren Spaß haben wollen« – obwohl die sich den von ein paar Abgängen doch gar nicht verderben ließen. Die unnz!-unnz!-stumpfe Technomasse leugnet ja nicht, daß es Kollateralschäden gibt – und überläßt das händeringende Bedauern darüber den professionellen Glitsch- und Glibberkomödianten aus Politik und Medien. Die ihrerseits dann große Gefühle entdecken für Leute, denen nur eine Rolle zugedacht ist: die von Brot-und-Spiele-Empfängern.

Und die sich das ja auch gefallen lassen: »Unterstützt von seiner Lebensgefährtin Sandy Meyer-Wölden, McFit und Bild.de« war Oliver Pocher aufgeboten, bei der Love Parade zu moderieren. »Ein Traum wird wahr: Ich werde aus dem Auge des Hurrikans der wummernden Bässe die größte Party der Welt in die Wohnzimmer bringen.« Verkündete Pocher, Kretin aus Herkunft, Neigung und Profession. In dieser Kreatur ist die Gemeinheit und Niederträchtigkeit einer ganzen WM-Fanmeile gebündelt.

Soviel zu fröhlich und friedlich– aber so ist das mit den deutschen Sommermärchen: Sie sind eben keine Volkserzählungen mit wahrem Kern, sondern im Gegenteil kalkulierte, glatte Lügen. Die Grünen, gleichermaßen Sputum wie Rektum aller Politik, leierten das gängige Repertoire noch einen Tick hysterischer herunter. »Aus einem friedlichen Fest, das fröhliche Menschen feiern wollten, ist eine Tragödie geworden.« Woher sollte auch ausgerechnet ein Grüner wissen, daß Tragödien einer Mindestgröße bedürfen?

Ein ähnliches deutsches Sommermärchen wie in Duisburg hatte sich kurz zuvor in einem Ferienheim auf der Insel Ameland zugetragen, wo Osnabrücker Halbwüchsige ihre Befähigung unter Beweis stellten, schon bald in der Bundeswehr zu Rang und Ansehen zu gelangen. Geschult am Vorbild erwachsener Soldaten, die in Kasernen ihre »Kameraden« quälen und foltern, mißbrauchten sie Schwächere und Wehrlose sexuell, demütigten sie und zeigten, daß man es auch als Rotzbengel schon faustfick hinter den Ohren haben kann, wenn man nur entschlossen ist, das zu wollen, was in der deutschen Sprache unter »Spaß haben« firmiert. Während die anwesenden Erzieher weder Schreie noch Klagen noch von dem Böswort »fisten« je etwas gehört haben wollten.

So wirken die jugendlichen Nachwuchsfolterer und Sadisten sonderbar emanzipiert. Waren es früher Erzieher, Priester, Pädagogen, die Abhängige und Schutzbefohlene schlugen, quälten und mißbrauchten, haben nun Kinder und Jugendliche selbst diese Rolle übernommen. Um es an einem Beispiel zu zeigen: Bischof Mixa ist pensioniert, denn er wird nicht mehr gebraucht. Seine Mission ist beendet; er hat Kindern alles beigebracht, was er wußte und konnte, und er hat es nach Kräften an sie weitergegeben. Wobei Mixa aber eben nur Pars pro toto ist.

Unsere Kleinen jedenfalls bedürfen weder der Kirche noch der Bundeswehr. Mißbrauch und Krieg können sie inzwischen schon ganz alleine. Was dabei entsteht, nennt man deutsche Sommermärchen, Abteilung: Die Kunst der Liebe.

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