Alle Warnungen Ignoriert


Die Veranstalter der Love Parade und die Stadt Duisburg erhielten vorab jede Menge Warnungen. Die Antwort war: Aufhebung von Beschränkungen

Sicherheitsbedenken beiseite gewischt: Am Montag am Unglücksort Foto: AP

Offenbar war die Stadt Duisburg bereit, Rechtsvorschriften zu umgehen, mit falschen Zahlen zu operieren und jede Warnung von Experten in den Wind zu schlagen, um die Love Parade am Samstag stattfinden zu lassen. Während und nach einer Massenpanik am Eingang zum Festgelände starben 19 Menschen, mehr als 500 wurden verletzt. Ein Opfer schwebte am Montag noch in Lebensgefahr. Zahlreiche Medien berichteten am Montag von Vorabwarnungen wegen der völlig unzureichenden Bedingungen für eine Veranstaltung mit bis zu 1,5 Millionen Teilnehmern. Zugleich wurde bekannt, daß die Antwort der Stadt u.a. darin bestand, bau- und sicherheitsrechtliche Beschränkungen für das Spektakel aufzuheben.
Vertuschungsaktion
So berichtete Spiegel online, der alte Güterbahnhof in Duisburg sei als Partygelände nur für 250000 Besucher freigegeben worden. Der Sachbearbeiter der Unteren Bauaufsicht im Duisburger Amt für Baurecht und Bauberatung habe in einem Verwaltungsdokument vom 21.Juli mit der »Genehmigung einer vorübergehenden Nutzungsänderung« die Organisatoren von der Vorschrift befreit, die vorgeschriebenen Breiten der Fluchtwege einhalten zu müssen. Gleichzeitig verzichteten die Beamten auf Feuerwehrpläne. Dafür hätten sie den Ausrichtern der Party vorgegeben: »Die maximale Personenzahl, die sich gleichzeitig auf dem Veranstaltungsgelände aufhalten darf, wird (…) auf 250000 Personen begrenzt.« Die Veranstalter des Festes hatten noch wenige Stunden vor dem Unglück von etwa 1,4 Millionen erwarteten Teilnehmern gesprochen. Spiegel online zitierte weiter aus dem Schreiben: »Die Zaunanlage, welche das Veranstaltungsgelände umfaßt, ist so auszuführen, daß sie einer Anpralllast von mind. 2kn m (Kilonewton pro Meter; Anm. d. Red) standhält.« Und einen Absatz darunter: »Die Breite der Fluchtwege auf der Ost- und Südseite des Geländes darf an keiner Stelle eine Breite von zehn Metern unterschreiten.«

Das Internetportal schrieb außerdem, daß in einer Dienststelle der Bundespolizei inzwischen sämtliche Unterlagen zur Love Parade – Einsatzbefehle, Lagemeldungen, Karten – von den Computern der Beamten sowie aus deren E-Mail-Accounts gelöscht wurden. »Da kam sehr schnell der ganz große Staubsauger«, wurde ein Beamter zitiert, der sogar eine konzertierte »Vertuschungsaktion« im Gang wähnte.
Ein Verbrechen
Zugleich häuften sich Meldungen über rechtzeitige Warnungen an die Duisburger Verwaltung. Der Kölner Stadt-Anzeiger verwies am Montag auf ein Schreiben des Direktors der Duisburger Berufsfeuerwehr vom Oktober vergangenen Jahres an den Oberbürgermeister der Stadt, Adolf Sauerland (CDU). Sinngemäß habe es dort geheißen, daß der Platz für die zu erwartenden Besuchermassen nicht ausreiche. Erfahrene Hundertschaftsführer der Polizei hätten zudem kritisiert, daß mit dem späteren Unglückstunnel nur ein Ein- und Ausgang für das Festivalgelände vorgesehen war.

Bild zitierte am Montag eine Anwohnerin des Veranstaltungsgeländes: »Vor drei Monaten besuchten uns die Veranstalter. Wir schilderten unsere Bedenken, sagten, daß niemals eine Million Menschen durch den Tunnel passen, daß wir Angst vor einer Panik haben. Da lächelte einer der Veranstalter nur und sagte: ›Wir haben Erfahrung. Die kommen ja nicht alle auf einmal.‹ Das klappt schon.«

Angesichts der Geschehnisse erhob Deutschlands führender Konzertveranstalter Marek Lieberberg schwere Vorwürfe gegen Stadt und Organisatoren. Er sagte der Süddeutschen Zeitung: »Befruchtet haben sich die Geltungssucht der Lokalpolitik, die Profitsucht der Veranstalter, auf beiden Seiten gut gedüngt durch totalen Amateurismus. Das ist kein tragisches Unglück, sondern ein Verbrechen.« Ähnlich äußerte sich der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt. Im Nachrichtensender N24 erklärte er, der übermächtige Wunsch, die Love Parade unbedingt nach Duisburg zu holen, habe möglicherweise dazu geführt, »daß Sicherheitsbedenken eben nicht geäußert oder beiseite gewischt wurden«.

Oberbürgermeister Sauerland, der am Sonntag abend bei einem Besuch des Unglücksortes von Personenschützern vor aufgebrachten Trauernden in Sicherheit gebracht werden mußte, kündigte an, daß noch im Laufe des Montags ein Kondolenzbuch ausgelegt werden soll. Außerdem bereite die Stadt eine Trauerfeier vor.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter BRD, Gleichgültigkeit und Gier, Jugendliche, Keiner ist schuld, Loveparade, Massenpanik, Unfähigkeit veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s