Nach der Katastrophe in Duisburg


Manche Ereignisse, die Tote und Verletzte hinterließen, werden von Justiz und Behörden mit seltsamer Behutsamkeit, langem Atem und faktisch resultatlos untersucht. Ein Bundeswehroberst, der mit einem Bombenschlag in Afghanistan bis zu 142 Menschen töten läßt, hat nichts zu befürchten – auch wenn er offensichtlich gegen alle Einsatzregeln verstoßen hat, die sich die Besatzer selbst gegeben haben. Explodiert bei einer Demonstrantion gegen Sozialabbau wie am 12. Juni in Berlin ein Knallkörper, spricht der zuständige Innensenator wenig später von »rotlackierten Faschisten« als Urhebern. Derselbe Herr lehnte am Montag »Schnellverurteilungen« der Urheber des Desasters von Duisburg ab, obwohl zahlreiche Belege dafür vorliegen, daß die dortige Stadtverwaltung und die Veranstalter sehenden Auges die Katastrophe mit herbeiorganisiert haben. Die Staatsanwaltschaft will sich nach ihren ersten Bekundungen bei der Untersuchung viel Zeit lassen.

Es war ein Verbrechen – verursacht aus Geltungssucht und Profitgier, wie ein Manager der Großveranstaltungsbranche der Süddeutschen Zeitung richtig sagte – und es sieht nicht so aus, daß es als solches untersucht wird. Da ignorierten die Verantwortlichen zwar Warnungen, jonglierten mit falschen Zahlen – etwa bei der Bestimmung der Teilnehmerkapazität des Geländes –, und änderten Bau- und Sicherheitsvorschriften, bis alles passend war, aber schon beginnt eine allgemeine Abwiegelei in Medien und dem politischen Establishment. Die Thüringer Allgemeine wies am Montag darauf hin, daß sich schon der Vesuch abzeichne, »die Schuld bei den Opfern abzuladen«, während die Rheinische Post allen Ernstes monierte, daß bereits »die Diskussion um Ursachen und Verantwortung« entbrenne, obwohl die letzten Opfer noch nicht identifiziert worden seien.

Die Grundlage für eine Vertuschungsaktion ist gelegt: Eine Love Parade ist längst eine staatstragende Angelegenheit à la »Sommermärchen«, d. h. ein Stoff, an dem sich von der Kanzlerin bis zur Bild- und Spiegel-Redaktion so ziemlich alles berauscht, was den bei solchen Spektakeln Bespaßten ansonsten gern die Einkommen kürzen will, vehement für Studiengelder und Auslese der Sprößlinge von Besserverdienenden eintritt, aber generell lediglich Verachtung für die Hauptklientel solcher »Events« übrighat. Hauptsache, es bleibt ruhig im Land. Deswegen müssen Zudröhn- und Ablenkungsaktionen dieser Art sein, deswegen gilt, daß die Show weitergehen muß. Sie ist von nationaler Bedeutung. Ob der Oberbürgermeister einer 500000-Einwohner-Stadt mit Schulden in Höhe von 1,6 Milliarden Euro und einer offiziellen Arbeitslosenquote von über 13 Prozent allein auf die irre Idee kam, sich ein Verblödungsritual dieser Größenordnung in die Stadt zu holen, ist dabei unwesentlich. Er und seine Stadtoberen hatten Größeres im Auge. Irgendwas mit Deutschland, wie der Bundeswehroberst. Das darf nicht bestraft werden.

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