Versagt! Das Protokoll des Disasters von Duisburg


Duisburg: Für viele stehen die Verantwortlichen fest. Der Bürgermeister Sauerland gehört dazu Foto: dpa

Nachdem sich die Zahl der Toten nach der Massenpanik bei der Love Parade in Duisburg am Montag auf 20 erhöht hatte, verdichteten sich am Dienstag die Erkenntnisse über Verantwortlichkeiten. Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) war offenbar schon über einen Monat vor der Tragödie über die Sicherheitsbedenken informiert. Das Bauordnungsamt hatte massive Einwände gegen das vorgelegte Sicherheitskonzept erhoben. Das geht aus dem Protokoll einer Besprechung mit dem Veranstalter »Lopavent«, der Feuerwehr, dem Ordnungsamt und dem Ordnungsdezernenten Wolfgang Rabe hervor, die am 18. Juni stattfand. Das Papier liegt dem Internetnachrichtenportal DerWesten.de vor, das am Dienstag Details veröffentlichte. Demnach gab es bei dem Treffen bereits einen Streit über Fluchtwege. Auf dem Verteiler sei handschriftlich das Kürzel »OB« wie »Oberbürgermeister« vermerkt. Sauerland hatte der Rheinischen Post (Dienstagausgabe) gesagt: Er habe vor der Love Parade keine Kenntnis von Sicherheitsbedenken gehabt. »Mir sind keine Warnungen bekannt«, sagte er wörtlich.

Während und nach der Massenpanik am Eingang zum Festgelände starben am Samstag 18 Menschen, über 500 wurden zum Teil schwer verletzt, zwei erlagen an den Tagen darauf im Krankenhaus ihren Verletzungen. Der alte Güterbahnhof in Duisburg, auf dem sich schätzungsweise eine Million Menschen bewegt hatten, war als Partygelände für maximal 250000 Menschen geeignet. Der Eingangstunnel glich angesichts der zu erwartenden Menschenmassen einem Nadelöhr.

Laut Sitzungsprotokoll wehrten sich Lopavent-Vertreter gegen die Vorschrift, bei 220000 Besuchern 440 Meter Fluchtwege nachweisen zu müssen. Sie bestanden demnach darauf, daß 155 Meter Fluchtweg als ausreichend akzeptiert werden müßten. Ordnungsdezernent Wolfgang Rabe soll dem Schriftstück zufolge im Namen des Oberbürgermeisters Druck ausgeübt haben – Sauerland wünsche die Veranstaltung; folglich müsse eine Lösung gefunden werden. Rabe forderte demnach das Bauordnungsamt, das normalerweise nur Kontrollfunktion hat, auf, »an dem Rettungswegekonzept konstruktiv mitzuarbeiten«. Die Anforderungen der Bauordnung, daß der Veranstalter ein taugliches Konzept vorlegen müsse, ließ er laut Protokoll nicht gelten.

»Sauerland, tritt zurück! Du hast als OB versagt«, stand auf einem Schild am Aufgang zum Love-Parade-Gelände in Duisburg. »Führt diesen Mann endlich in Handschellen aus dem Rathaus«, stand in einem Kommentar beim Nachrichtenportal DerWesten.de.

Auch die Berichterstattung mancher Medien gerät unterdessen in die Kritik. Beim Deutschen Presserat waren am Dienstag bereits 140 Beschwerden eingegangen, so eine Sprecherin am frühen Nachmittag. 137 dieser Rügen hätten sich gegen die Beiträge in der Bild-Zeitung und bei bild.de gerichtet. Die Leser sahen laut Presserat vor allem Verstöße gegen den Pressekodex, Ziffer 11, der sich unter anderem gegen eine »unangemessen sensationelle Darstellung von Gewalt, Brutalität und Leid« richtet. Auf bild.de waren u.a. am Samstag Fotos von nur notdürftig zugedeckten Leichen veröffentlicht worden. Gegenstand weiterer Beschwerden waren verletzte Persönlichkeitsrechte. Der verantwortliche Springer-Verlag wies die Beschwerden zurück und bezeichnete seine Berichterstattung als angemessen.

http://www.bildblog.de/20764/was-von-der-loveparade-uebrig-blieb

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