Duisburg: Alle unschuldig


Von ehemals guter Partnerschaft weiß die Stadt Duisburg jetzt nichts mehr: Love-Parade-Veranstalter Rainer Schaller (l.) und Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) am 17. Juni Foto: dpa

Hatte die Stadt Duisburg überhaupt etwas mit der Love Parade vom 24. Juli zu tun – außer Genehmigungen zu erteilen? Nach eigenem Verständnis nicht. Das besagt ein Zwischenbericht, den Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) am Dienstag an das Innenministerium von Nordrhein-Westfalen (NRW) schickte. Das Papier, das jW vorliegt, war am Mittwoch Gegenstand einer Sondersitzung des Innenausschusses im Düsseldorfer Landtag.

Unmittelbar nach dem Unglück vom 24.Juli hatten sich Stadt, Veranstalter und Polizei gegenseitig die Schuld zugeschoben. Auch bei den Beratungen über den von einer Düsseldorfer Anwaltskanzlei im städtischem Auftrag erstellten Zwischenbericht blieb es beim Ping-Pong der Träger organisierter Verantwortungslosigkeit. So behaupten die von der Stadt bestellten Anwälte z.B., die Kommune habe auf dem Veranstaltungsgelände keine Verantwortung getragen. Wörtlich heißt es: »Insbesondere die Passierbarkeit des Tunnels oblag Veranstalter und Polizei.« Dem widerspricht, wie die Landtagsabgeordnete Anna Conrads (Die Linke) und innenpolitische Sprecherin ihrer Fraktion gegenüber jW erklärte, eine handschriftliche Notiz des Duisburger Baudezernenten Jürgen Dressler auf einem Beratungsprotokoll, wonach die Zuständigkeit des Veranstalters erst auf der Rampe zum Gelände beginne. Im Zwischenbericht wird dies nicht erwähnt. Wörtlich erklärte die Abgeordnete nach der Ausschußsitzung: »Der Eindruck ist, daß Stadt und Veranstalter sehr partnerschaftlich zusammengearbeitet haben.«

Der Berichtstext läßt davon nichts erkennen. Die Anwälte formulieren vielmehr als vorläufiges Ergebnis ihrer Untersuchung: »Die Stadt Duisburg hatte keine allgemeine oder gar übergeordnete Zuständigkeit für die Sicherheit der gesamten Veranstaltung«. Dem folgt eine Aufzählung von Einzelzuständigkeiten, bei denen die Stadt ihren gesetzlichen Pflichten nachgekommen sei. Offenbar gilt als Devise: Alles lief korrekt ab, den Vorschriften wurde Genüge getan, leider sind 21 Menschen tot. Darauf deutet auch die Formulierung der Juristen, aus verschiedenen Umständen lasse sich schließen, »daß Dritte gegen Vorgaben und Auflagen der Genehmigungen der Stadt Duisburg verstoßen haben. Wir können nicht ausschließen, daß diese Verstöße im Zusammenhang mit dem Unglück relevant geworden sind.«

NRW-Polizei-Inspekteur Dieter Wehe erklärte in der Ausschußsitzung, die Verantwortung für den ordnungsgemäßen Ablauf der Technoparade auf dem Veranstaltungsgelände einschließlich Zugangstunnel habe »ausschließlich der Veranstalter« gehabt. Er wies zugleich Berichte zurück, wonach der polizeiliche Verbindungsbeamte zum Veranstalter kein Funkgerät mit sich geführt habe. Der Polizei-Inspekteur wandte sich auch gegen den im Bericht indirekt erhobenen Vorwurf, das Nachströmen von Besuchern auf das Love-Parade-Gelände sei durch Polizeifahrzeuge behindert worden.

NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) erhob in der Sitzung schwere Vorwürfe gegen Stadt und Veranstalter. So sei Ursache für den Polizeieinsatz auf dem Veranstaltungsgelände das Versagen des Sicherheitskonzepts gewesen, für das beide verantwortlich gewesen seien. In einer Presseerklärung wies die NRW-Linksfraktion darauf hin, daß zahlreiche Fragen unbeantwortet bleiben: Wie viele Ordner waren eingesetzt? Wie waren sie qualifiziert? Vorerst bleibe es so beim »Hütchenspiel der Verantwortung«.

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Eine Antwort zu Duisburg: Alle unschuldig

  1. gewerkschafter schreibt:

    Neue Vorwürfe gegen Lopavent
    WDR: Love-Parade-Veranstalter verschleppte Anträge zum Sicherheitskonzept

    Zwischen der Stadt Duisburg und dem Love-Parade-Veranstalter Lopavent hat es offenbar bei der Vorbereitung der Veranstaltung große Differenzen hinsichtlich der Sicherheitsanforderungen gegeben. Dies gehe aus 150 Seiten Aktenvermerken, Gesprächsprotokollen und Genehmigungsanträgen hervor, die dem WDR vorlägen, berichtete der Sender am Freitag. So hätten Sicherheitsexperten der Stadt den Veranstalter bereits im März darauf hingewiesen, daß die erste Planung nicht genehmigungsfähig sei und auf strafrechtliche Konsequenzen aufmerksam gemacht. Lopavent habe daraufhin zwar das Konzept abgeändert, aber die unter anderem bemängelte Einzäunung des Veranstaltungsgeländes beibehalten.

    Auch habe die Stadt mehrfach Sicherheits- und Brandschutzkonzepte beim Veranstalter angemahnt. Dieser habe jedoch gemauert und auf die vergangenen Paraden in Essen und Dortmund verwiesen, obwohl die Situation dort mit dem umzäunten Gelände in Duisburg nicht vergleichbar gewesen sei, berichtete der WDR. Wochenlang habe Lopavent Anträge verschleppt und erforderliche Unterlagen nicht eingereicht.

    Nach Angaben des Senders bestätigten die Akten außerdem, daß insbesondere Mitarbeiter der Bauaufsicht mit den Sicherheits- und Brandschutzkonzepten bis kurz vor der Love Parade nicht einverstanden gewesen waren. Auf Druck von Ordnungsdezernent Wolfgang Rabe habe man sich mit der Lopavent unbedingt einigen sollen. Stadtbaurat Jürgen Dressler lehnte daraufhin eine Verantwortung für die Love Parade ab. Diesen Vorgang hatten zuvor auch Zeitungen der WAZ-Gruppe so geschildert.

    Am Freitag meldete sich auch die Firma Lopavent zu Wort. In einer bundesweit an Medien verschickten Erklärung nimmt das Unternehmen Stellung zu einigen nach dem Unglück, das am 24.Juli 21 Todesopfer forderte, geäußerten Vorwürfen. So habe man keineswegs zu wenig Ordner eingesetzt. Vielmehr seien es im Eingangsbereich 148 gewesen, obwohl das Sicherheitskonzept nur 100 vorgeschrieben habe. Diese seien auch – anders als behauptet – mit modernen Funksprechgeräten ausgestattet gewesen. Ferner weist Lopavent darauf hin, daß die Veranstalter von der polizeilichen Diskussion über Einsatzkonzepte bei Störfällen »ausgeschlossen« worden sei.

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