Die Verfolgung von Lesben zwischen 1933 & 1945


In Hamburg widmete sich eine Veranstaltung dem Gedenken an eine »vergessene« Opfergruppe der Naziherrschaft: Lesbische Frauen schwiegen auch nach 1945 über ihr Leid

Weil Frauen ihre Sexualität »weniger lärmend« ausüben, befanden die juristischen Berater des »Reichsführers SS« Heinrich Himmler seinerzeit, für die Bekämpfung des »triebhaften Lesbianismus« seien keine gesonderten Verfolgungsgesetze nötig. Diesem Umstand haben lesbische Frauen es zu »verdanken«, daß sie bis heute keinen Verfolgtengruppenstatus geltend machen können. Vielfach wird ihr Leiden noch immer totgeschwiegen.

Bea Trampenau und Karin Schönewolf vom Hamburger Verein »Intervention e.V.« haben es sich deshalb zum Ziel gesetzt, das Andenken der von den Nazis wegen ihrer Homosexualität verfolgten Frauen zu bewahren. Am vergangenen Sonntag fand auf dem Friedhof Ohlsdorf eine gemeinsame Veranstaltung von Intervention und VVN–BdA zu Ehren dieser Opfer mit Vorträgen, Lesung, Musik und Diskussion statt. Am Ende wurde auf dem Massengrab für Kriegsopfer ein Blumengebinde abgelegt.

Thema eines Vortrags von Bea Trampenau war zunächst die vielfältige »Freundinnen«-Kultur in der Weimarer Republik, die selbst in der Frauenbewegung der 70er Jahre nie wieder erreicht wurde. Prominente der Szene wie Claire Waldoff, Therese Giehse, Erika Mann und Annemarie Schwarzenbach, viele von ihnen bekennende Lesben, traten sehr selbstbewußt auf, in Intellektuellenkreisen und im Mittelstand, aber auch in der Arbeiterschaft gab es große Toleranz gegenüber Homosexuellen. In Massenorganisationen wie SPD, KPD und den Gewerkschaften konnten auch Funktionsträgerinnen offen als Lesben leben. Das änderte sich schlagartig mit dem Machtantritt der Faschisten.

Verdächtige Frauen wurden als »triebhaft« stigmatisiert und in Konzentrationslagern eher mit dem für »Asoziale« vorgesehenen schwarzen Winkel gekennzeichnet, als mit dem rosa Winkel den Schwulen gleichgestellt. Schon die Tatsache, daß es überhaupt Frauen mit eigenem Sexualleben gab, galt als abartig. Eine Frau hatte sich »hinzugeben«, und zwar ihrem Ehemann und Erzeuger künftiger Kinder des Führers. Des »Lesbianismus« verdächtigen Frauen wurde geraten, ein Kind zu bekommen und es in einem der Heime des 1935 auf Himmlers Initiative gegründeten Vereins »Lebensborn« abzugeben, in denen Kinder »guten Bluts« aufgezogen wurden – oder zu heiraten und damit ihrer »Triebhaftigkeit« abzuschwören.

Wie viele Lesben in Lagern interniert oder ermordet wurden, könne man heute nur mutmaßen, betonte Karin Schönewolf in ihrem Vortrag. Nach Kriegsende 1945 hatte sich in fast allen Organisationen und Verbänden in Ost und West – auch in den Gewerkschaften und der KPD – eine extrem homophobe Stimmung gehalten. Die Forscherinnen bei Intervention e.V. haben mit Frauen gesprochen, die dies miterlebt haben. Viele unterdrückten in diesem feindseligen Klima weiter ihre sexuellen Wünsche. Der Preis: lebenslanges Alleinsein.

Das heute vorhandene Wissen über das Schicksal lesbischer Frauen in der Nazizeit ist erst ab Mitte der 80er Jahre von Aktivistinnen der neuen Frauenbewegung mühsam zusammengetragen worden. Heute gibt es nur noch wenige hochbetagte Zeitzeuginnen, die Auskunft geben könnten. Der Verbleib Tausender Frauen, die vor Beginn der Herrschaft der Faschisten in Deutschland lebten, ist unbekannt. Wieviel es noch zu tun gibt, zeigt der aktuelle Forschungsstand: Neun Lebensläufe von insgesamt elf bei Intervention e.V. bekannten, eindeutig wegen ihrer lesbischen Lebensweise verfolgten Hamburgerinnen konnten bislang erforscht werden. Der Verein sucht deshalb junge Historikerinnen, die bei der Aufarbeitung der Opfergeschichte der lesbischen Community mithelfen wollen.

Junge Frauen, die im Verdacht standen, Frauen zugeneigt zu sein, wurden häufig in Heime für Schwererziehbare gesteckt. Wie viele von ihnen Rahmen des Euthanasieprogramms ermordet wurden oder Zwangssterilisierungen zum Opfer fielen, ist unbekannt. Da die Frauen willkürlich verfolgt wurden, waren sie auch in besonderem Maße erpreßbar. Einige ließen sich als Spitzel mißbrauchen. Daher hatten politische Häftlinge vielfach kein Vertrauen in Personen dieser Gruppe.

Daß Lesben keiner Verfolgung ausgesetzt waren, ist ein Märchen, das sich schlaue Nachkriegsbehörden ausgedacht haben. So durfte in Hamburg dieselbe Käthe Petersen, die zwischen 1933 und 1945 weit über 1000 zwölf- bis 18jährige Mädchen wegen »triebhaften Lesbianismus« in die Fürsorgeknäste gebracht hatte, noch bis 1966 als Sozialpolitikerin Mädchen in Heime einweisen lassen. Zudem entschied sie darüber, ob eine Person als Verfolgte des Naziregimes anerkannt wurde. Nach Angaben des Historikers Matthias Willing wurden in der Nazizeit mehr als 600 Mädchen »nicht zuletzt auf Betreiben von Petersen« sterilisiert.

Berichte aus der Frauenfürsorgeanstalt Farmsen hat die Historikerin Angelika Ebbinghaus ausgewertet. Viele der 600 Plätze dort waren mit Frauen belegt, die als »triebhaft«, »triebhafte Lesbierin« oder mit dem Stigma »moralisch schwachsinnig« schon im frühen Jugendalter entmündigt worden waren. Viele der dort 1945 noch Internierten waren schwer traumatisiert und gebrochen, zudem war es oft unmöglich, die Entmündigung wieder rückgängig zu machen, denn meist waren die Eltern die besten Verbündeten der Behörden. In vielen »Fürsorgeanstalten« der Bundesrepublik war noch lange dasselbe Personal beschäftigt, das Kinder und Jugendliche schon in der Nazizeit drangsaliert hatte.

Kontakt: Bea Trampenau, Intervention e.V., Tel. 040/245002, www.Intervention-hamburg.de

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