Antikubanische Hetze


Mariela Castro bei einer Aktion in Havanna am 16. Mai 2009 zum Internationalen Tag gegen Homophobie Foto: dpa

Der diesjährige Schirmherr des Christopher Street Day (CSD) in Hamburg, Corny Littmann, hat sich eine prominente Begleiterin für den am heutigen Samstag stattfindenden Umzug für die Rechte der Schwulen und Lesben eingeladen. Gast des früheren Präsidenten des Fußball-Bundesligisten FC St. Pauli und Chefs des Schmidt-Theaters an der Reeperbahn, ist die Direktorin des Nationalen Zentrums für Sexualerziehung (CENESEX) in Havanna, einer international anerkannten wissenschaftlichen Einrichtung. Sie kümmert sich in Kuba um Aufklärung, Sexualkunde und AIDS-Prävention und setzt sich für den Abbau von Vorurteilen gegenüber sexuellen Minderheiten ein. Auch die CENESEX-Chefin Mariela Castro Espín ist weit über die Grenzen Kubas hinaus als fachkundige Expertin bekannt. Doch einige Medien der Hansestadt machen aus ihrer Teilnahme einen Skandal, denn sie ist die Tochter des kubanischen Präsidenten Raúl Castro. »Mariela Castro sollte den CSD nicht anführen«, fordert beispielsweise »Hamburgs schwules Stadtmagazin« Hinnerk in einem Kommentar auf seiner Homepage. Mariela Castro habe schließlich gesagt, sie wolle mit dem CSD »nichts zu tun haben«. Von jW dazu am Donnerstag abend befragt, dementierte sie, so etwas je gesagt zu haben und zeigte sich überrascht, daß die Hinnerk-Journalisten sie nicht selbst darauf angesprochen haben. Schließlich sei sie von diesen erst wenige Tage zuvor interviewt worden. Dabei sei die nun geäußerte Kritik kein Thema gewesen. »Das Magazin reproduziert so die Diskriminierung, gegen die es sich eigentlich wehren will. Sie diskriminieren mich wegen meiner politischen Überzeugung«, so Mariela Castro.

Auch auf ein weiteres in Hamburg erscheinendes Magazin ist sie sauer. Am 19.Juli veröffentlichte Der Spiegel unter der Überschrift »Wir brauchen Veränderungen« ein knapp zwei Seiten füllendes Interview, das Spiegel-Korrespondent Manfred Ertel in Havanna mit Mariela Castro geführt hat. Angefragt hatte er, um mit ihr über die Arbeit des CENESEX zu sprechen. Herausgekommen ist ein »Interview«, das nach ihrer Ansicht mit dem in Havanna geführten Gespräch kaum noch etwas zu tun hat. »In der gedruckten Fassung hat die Redaktion Fragen eingefügt, die sie mir nie gestellt hat. Eine solche Frechheit und ein solches Fehlen von Professionalität habe ich noch nicht erlebt, nicht einmal bei Medien in den USA«, so Castro. So schüttelte sie den Kopf über die Frage, Kubas Jugend brauche »vor allem mehr Freiheit, mehr und bessere Handys…« Sie hätte bestimmt nicht eine so kühle und sachliche Antwort gegeben, wenn der Reporter diesen Unsinn tatsächlich zu ihr gesagt hätte. Und überhaupt: »Havanna ist voll von Handys.« Der Spiegel habe sie außerdem falsch zitiert. So habe sie die Gefangenen, die derzeit von der kubanischen Regierung freigelassen werden, ausdrücklich nicht als Terroristen bezeichnet: »Die Terroristen sind andere.« Trotzdem wird ihr dies vom Spiegel in den Mund gelegt.  

Für Mariela Castro ist die Hetze gegen ihr Land und sie selbst kein Zufall, sondern Teil der Kampagne gegen den kubanischen Sozialismus. Dazu gehörten auch die Aktivitäten deutscher Diplomaten in Havanna, die direkt an der Finanzierung und Organisierung von konterrevolutionären Söldnern beteiligt seien.

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Eine Antwort zu Antikubanische Hetze

  1. Linker schreibt:

    Castros Kampf gegen Kubas »Machismo«

    Auf Einladung der Fraktion DIE LINKE besuchte Mariela Castro-Espin den Deutschen Bundestag. Sie ist Leiterin des Nationalen Zentrums für sexuelle Aufklärung (CENESEX) und Aktivistin für die Rechte von Lesben, Schwulen, Transsexuellen und Transgendern. Als Tochter des Staatspräsidenten Raul Castro und Nichte Fidel Castros verleiht sie dem Thema Gleichstellung mit ihrem Engagement – nicht nur auf Kuba – ein deutlich höheres Gewicht.

    Stefan Liebich und Halina Wawzyniak erläuterten der kubanischen Delegation die parlamentarische und außerparlamentarische Arbeit der Fraktion DIE LINKE zum Themenfeld sexueller Vielfalt. Mariela Castro-Espin berichtete, dass ab Ende der neunziger Jahre die Arbeit zur Sensibilisierung für sexuelle Vielfalt auf der Karibikinsel intensiviert wurde und nunmehr erste Erfolge zu verzeichnen sind. Seit 1979 sind homosexuelle Handlungen straffrei, allerdings besteht weiterhin ein Gesetz gegen die »Erregung eines öffentlichen Skandals«, dass insbesondere schwule Männer weiterhin bedroht.

    CENESEX hat unter anderem eine Debatte zur Veränderung des Familiengesetzbuch angestoßen, wonach die Ehe nicht allein zwischen Mann und Frau geschlossen werden soll. Ziel sei eine vollständige Gleichstellung der verschiedenen Beziehungsformen – egal ob das Ding am Ende Ehe oder Partnerschaft heißt. Hier opponiert insbesondere die Kirche. Im nächsten Jahr soll im kubanischen Parlament ein Vorschlag für ein Lebenspartnerschaftsgesetz eingebracht werden, welches die gleichen Rechte vorsieht wie für die Ehe. Aus Sicht von Mariela Castro-Espin wird dazu aber noch einige Überzeugungsarbeit nötig sein. Ihr Vater stehe dem Anliegen positiv gegenüber, aber man müsse halt auch die kubanische Gesellschaft für dieses Anliegen gewinnen. Dies sei ein langer Weg, da Kuba immer noch sehr stark vom »Machismo« geprägt sei.

    Vor diesem Hintergrund glaubt die Kubanerin, dass beispielsweise ein Christopher Street Day wie in Berlin in ihrer Heimat das Gegenteil bewirken könne, da er als US-orientierte Demonstration wahrgenommen werden könne. Stattdessen setze sie auf eine ständige Konfrontation der Bevölkerung mit dem Thema sexuelle Vielfalt. Höhepunkt dieser Aktivitäten ist die seit 2008 jährlich stattfindende »Woche gegen Homophonie« um den 17. Mai herum. Mit Ausstellungen, Lesungen und Filmen wird die Sensibilisierung für das Thema vorangetrieben.

    Mariela Castro-Espin skizzierte die Grundzüge des geplanten Transsexuellengesetzes. Es sei ein medizinisches Zentrum für Transsexuelle gegründet worden. Sie hat eine integrale Regelung vom Namensrecht bis hin zum Steuerrecht vorgeschlagen. Es soll nicht zwingend eine Operation für eine Geschlechtsangleichung notwendig sein, sondern eine Namensänderung im Pass ohne OP möglich sein. Dies fordert auch DIE LINKE für Transsexuelle in Deutschland. Überraschend ist, dass Kuba als einziges Land eine nationale Strategie für Transsexuelle entwickelt hat, auch um ihnen eine kostenlose Operation zur Geschlechtsangleichung zu ermöglichen. Denn auf Kuba ist die Gesundheitsversorgung für alle Menschen kostenlos.

    DIE LINKE organisierte für die kubanische Politikerin auch ein Treffen mit VertreterInnen der Berliner Organisation »Transinterqueer«, die sich um die Belange von Trans- und Intersexuellen wie auch Transgendern kümmert, sowie mit Vertretern der Initiative »Queer Nations«, die ein sexualwissenschaftliches Institut in Deutschland gründen will. Im Anschluss traf sie sich zu einem Mittagessen mit Gesine Lötzsch. Am Nachmittag besuchte sie den Lesben- und Schwulenverband Deutschland und besichtigte unter Führung des Historikers Andreas Pretzel das Mahnmal für die verfolgten Homosexuellen im Nationalsozialismus und informierte sich über die Homosexuellenverfolgung im Faschismus und in der Nachkriegszeit. Mariela Castro-Espin bedankte sich für den anregenden Austausch mit den Bundestagsabgeordneten und den Organisationen – eine Kooperation, die DIE LINKE intensivieren wird. Am folgenden Tag führte die Kubanerin den Hamburg CSD an.

    Von Halina Wawzyniak und Bodo Niendel

    http://www.linksfraktion.de/nachricht.php?artikel=1414986853

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