Castros Kampf gegen Kubas »Machismo«


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v.l.n.r. Mariela Castro-Espin, Halina Wawzyniak und Stefan Liebich

12.08.2010 – Halina Wawzyniak, Stefan Liebich

Auf Einladung der Fraktion DIE LINKE besuchte Mariela Castro-Espin den Deutschen Bundestag. Sie ist Leiterin des Nationalen Zentrums für sexuelle Aufklärung (CENESEX) und Aktivistin für die Rechte von Lesben, Schwulen, Transsexuellen und Transgendern. Als Tochter des Staatspräsidenten Raul Castro und Nichte Fidel Castros verleiht sie dem Thema Gleichstellung mit ihrem Engagement – nicht nur auf Kuba – ein deutlich höheres Gewicht.

Stefan Liebich und Halina Wawzyniak erläuterten der kubanischen Delegation die parlamentarische und außerparlamentarische Arbeit der Fraktion DIE LINKE zum Themenfeld sexueller Vielfalt. Mariela Castro-Espin berichtete, dass ab Ende der neunziger Jahre die Arbeit zur Sensibilisierung für sexuelle Vielfalt auf der Karibikinsel intensiviert wurde und nunmehr erste Erfolge zu verzeichnen sind. Seit 1979 sind homosexuelle Handlungen straffrei, allerdings besteht weiterhin ein Gesetz gegen die »Erregung eines öffentlichen Skandals«, dass insbesondere schwule Männer weiterhin bedroht.

CENESEX hat unter anderem eine Debatte zur Veränderung des Familiengesetzbuch angestoßen, wonach die Ehe nicht allein zwischen Mann und Frau geschlossen werden soll. Ziel sei eine vollständige Gleichstellung der verschiedenen Beziehungsformen – egal ob das Ding am Ende Ehe oder Partnerschaft heißt. Hier opponiert insbesondere die Kirche. Im nächsten Jahr soll im kubanischen Parlament ein Vorschlag für ein Lebenspartnerschaftsgesetz eingebracht werden, welches die gleichen Rechte vorsieht wie für die Ehe. Aus Sicht von Mariela Castro-Espin wird dazu aber noch einige Überzeugungsarbeit nötig sein. Ihr Vater stehe dem Anliegen positiv gegenüber, aber man müsse halt auch die kubanische Gesellschaft für dieses Anliegen gewinnen. Dies sei ein langer Weg, da Kuba immer noch sehr stark vom »Machismo« geprägt sei.

Vor diesem Hintergrund glaubt die Kubanerin, dass beispielsweise ein Christopher Street Day wie in Berlin in ihrer Heimat das Gegenteil bewirken könne, da er als US-orientierte Demonstration wahrgenommen werden könne. Stattdessen setze sie auf eine ständige Konfrontation der Bevölkerung mit dem Thema sexuelle Vielfalt. Höhepunkt dieser Aktivitäten ist die seit 2008 jährlich stattfindende »Woche gegen Homophonie« um den 17. Mai herum. Mit Ausstellungen, Lesungen und Filmen wird die Sensibilisierung für das Thema vorangetrieben.

Mariela Castro-Espin skizzierte die Grundzüge des geplanten Transsexuellengesetzes. Es sei ein medizinisches Zentrum für Transsexuelle gegründet worden. Sie hat eine integrale Regelung vom Namensrecht bis hin zum Steuerrecht vorgeschlagen. Es soll nicht zwingend eine Operation für eine Geschlechtsangleichung notwendig sein, sondern eine Namensänderung im Pass ohne OP möglich sein. Dies fordert auch DIE LINKE für Transsexuelle in Deutschland. Überraschend ist, dass Kuba als einziges Land eine nationale Strategie für Transsexuelle entwickelt hat, auch um ihnen eine kostenlose Operation zur Geschlechtsangleichung zu ermöglichen. Denn auf Kuba ist die Gesundheitsversorgung für alle Menschen kostenlos.

DIE LINKE organisierte für die kubanische Politikerin auch ein Treffen mit VertreterInnen der Berliner Organisation »Transinterqueer«, die sich um die Belange von Trans- und Intersexuellen wie auch Transgendern kümmert, sowie mit Vertretern der Initiative »Queer Nations«, die ein sexualwissenschaftliches Institut in Deutschland gründen will. Im Anschluss traf sie sich zu einem Mittagessen mit Gesine Lötzsch. Am Nachmittag besuchte sie den Lesben- und Schwulenverband Deutschland und besichtigte unter Führung des Historikers Andreas Pretzel das Mahnmal für die verfolgten Homosexuellen im Nationalsozialismus und informierte sich über die Homosexuellenverfolgung im Faschismus und in der Nachkriegszeit. Mariela Castro-Espin bedankte sich für den anregenden Austausch mit den Bundestagsabgeordneten und den Organisationen – eine Kooperation, die DIE LINKE intensivieren wird. Am folgenden Tag führte die Kubanerin den Hamburg CSD an.

Von Halina Wawzyniak und Bodo Niendel

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Eine Antwort zu Castros Kampf gegen Kubas »Machismo«

  1. queer-leser schreibt:

    Castro übernimmt Verantwortung für Schwulenverfolgung

    Der frühere kubanische Staatschef Fidel Castro nannte die Verfolgung von Homosexuellen nach seiner Machtübernahme eine „große Ungerechtigkeit“ und übernahm die Verantwortung für die brutale Verfolgung.

    Im Interview mit der mexikanischen Zeitung „La Jonada“ beteuerte der 84-Jährige, er hege „natürlich“ keine Vorurteile gegen Schwule und Lesben. Die Verfolgung von Homosexuellen in den 1960er und 70er Jahren nannte er eine „spontane Reaktion der Revolutionäre, die auf den Traditionen der Nation beruht“. Bei den Vorgängerregierungen seien nicht nur Homosexuelle, sondern auch Schwarze und Frauen diskriminiert worden.

    Homosexualität war zwar vor dem Umsturz durch Castro 1959 bereits illegal, gleich nach der Machtübernahme ließen die neuen Machthaber Schwule aber gezielt verfolgen und in Internierungslager stecken, in denen viele zu Tode kamen. Die Kommunisten begründeten die Verfolgung damals damit, dass es sich bei Homosexualität um eine kapitalistische Ausprägung handelte, die es auszurotten galt. Erst in den 1980er Jahren ließ der Verfolgungsdruck auf Schwule und Lesben nach. Homosexuelle wurden aber bis vor wenigen Jahren noch wegen „antisozialen Verhaltens“ verfolgt.

    Laut Castro ist aber nicht die Kommunistische Partei für die Schwulenhatz verantwortlich, sondern er persönlich: „Wenn jemand Verantwortung trägt, dann bin ich das.“ Nach der Machtübernahme habe er andere Sorgen gehabt als das Schicksal von Schwulen und Lesben, so Castro, da die Auseinandersetzung mit den USA und andere politische Entscheidungen im Vordergrund standen.

    In den letzten Jahren hat sich die Lage für Schwule und Lesben auf Kuba wesentlich verbessert. Insbesondere Fidels Nichte Mariela Castro, die das staatliche kubanische Institut für Sexualerziehung leitet, setzt sich für die Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Paaren ein. Derzeit wird über die Einführung von eingetragenen Partnerschaften diskutiert (queer.de berichtete). Das durch ein jahrzehntelanges US-Embargo geschwächte Land hat allerdings im Vergleich zu anderen lateinamerikanischen Staaten noch einige demokratische Defizite. So gibt es bislang weder freie Wahlen noch eine freie Presse und laut Menschenrechtsorganisationen gibt es auf Kuba noch mehr als 100 politische Gefangene. Links zum Thema:
    Castro-Interview in „La Jornada“ http://www.jornada.unam.mx/2010/08/31/index.php?section=mundo&article=026e1mun

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