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Weniger haben sie nicht zu bieten: Depeche Mode veröffentlichen die DVD »Tour of the Universe. Live in Barcelona«

I have learned so much« ist ein Gedicht von Daniel Ladinsky, das er unter dem Namen Hafiz veröffentlicht hat. Darin heißt es: »That I can no longer call myself / A man, a woman, an angel / Or even pure / Soul« (»…daß ich mich nicht länger einen Mann, eine Frau, einen Engel oder eine reine Seele nennen kann«). Um Läuterung geht es auch in den Texten von Martin Gore, Songschreiber von Depeche Mode. Von einer fast zweijährigen Welttournee der Band liegt nun eine Live-DVD vor, aufgezeichnet an zwei Abenden in Barcelona.

Depeche Mode auf Tour durch das Universum: Hier live in London im Februar 2010 Foto: flickr.com

Depeche Mode auf Tour durch das Universum: Hier live in London im Februar 2010 Foto: flickr.com

Ladinskys Gedicht dient Anton Corbijn, der das Stagesetting entworfen hat, als Projektion für das Lied »Precious«. »Precious«, eine Bitte um Vergebung nach dem Scheitern einer Ehe, ist einer der warmherzigsten Songs der Band an diesem Abend und einer ihrer zahlreichen und veritablen Hits. In den achtziger Jahren, als die Frisuren der Bandmitglieder fast genauso wichtig waren wie ihre Platten, hatte sich die Band ein comic-haftes Image erworben. Martin Gore, der sich gender-crossing-like im Lederrock ablichten ließ und bis heute lackierte Fingernägel bevorzugt, Sänger Dave Gahan, der sich auf der Bühne, gekleidet in weiße Jeans, in Freddie-Mercury-Posen warf. Und dazu zwei Keyboarder, die immerhin abenteuerliche Haarschnitte zur Schau trugen – das ergab genug Stoff für Teenagerträume und Identifikationsmuster. Mindestens genauso wichtig waren die Texte Gores, schwankend zwischen genitaler Aggression und extremer Devotion, sowie die düstere, metallisch dröhnende Musik, von der die Bandmitglieder stets behaupten, sie hätte eine positive Grundstimmung. Der Sound von DM war und ist in der Tat vor allem eines– sexy.

Das läßt sich beim Konzertmitschnitt vom November 2009 aus Barcelona nachhören und anschauen. Wenn der immer noch jesusschlanke Gahan zärtlich »In Your Room« anstimmt, Martin Gore »Dressed In Black« singt, erzeugen sie jene erotische Magie, die die Zuschauer vor ihnen auf die Knie sinken läßt. Natürlich spielen Depeche Mode neben einigen Stücken vom letzten Album auch die Erfolgsnummern »Enjoy The Silence«, »Walking In My Shoes«, »Policy Of Truth« und »Never Let Me Down«. Wie sie diese immer wieder neu arrangieren, und mit welcher Lust sie Songs wie »I Feel You« zelebrieren, sorgt auch auf der mittlerweile sechsten Live-DVD für zahlreiche Höhepunkte.

Die Projektionen auf der über die gesamte Bühnenbreite reichenden Leinwand kommentieren die Musik mal ironisch, mal geben sie ihr eine geradezu metaphysische Tiefe. Beim Opener »In Chains« morphen sich ein jugendliches Frauen- und ein Altmännergesicht nach und nach ineinander, während über ihnen eine Figur durchs Leben rennt. Zu »Come Back« rast die Kamera ins Weltall (ein allzu naheliegender Hinweis auf den Titel ihres letzten Studioalbums »Sounds Of The Universe«), während die Bühne in dunkles Blau gehüllt ist.

Und dann »Stripped«: Jener Ackergaul von einem Song, für den Depeche Mode einst den Anlasser von Dave Gahans neuerworbenem Porsche und das Rattern der Kurbelwelle sampelten. Und wieder geht es um Erlösung, Rückkehr, ganz im Sinne von Gottfried Benns Gedicht »Verlor’nes Ich«: »Come with me / into the trees. We lay on the grass / and let the hours pass«.

Den »Personal Jesus« lassen Depeche Mode auf einer Bluesgitarre ins Stadion reiten; als sich der Song dann wie ein pechschwarzer Sturzbach über das Publikum ergießt, ist es der reine Sex. Hände strecken sich zur Bühne und Tausende schreien es heraus: »Reach out and touch faith«. Schuld, Sühne, Erlösung, Läuterung – weniger hat diese Musik nicht zu bieten.

Mit »Waiting For The Night«, das Gore und Gahan auf einem Laufsteg inmitten der Zuschauer im Duett singen, endet der Abend. »There in the still / all that you feel / Is tranquility.« Wenn uns niemand anderes erlöst, dann eben die Nacht.

Depeche Mode: »Tour of the Universe. Barcelona 20./21.11.2009« (Mute)

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