Mehr Homosexualität, weniger Brisanz


In Dresden wurde Tennessee Williams versenkt

It doesn’t matter« könnte man leise sagen und taktvoll schweigend weitergehen. Aber Tennessee Williams ist nun mal einer der bedeutendsten amerikanischen Autoren des 20. Jahrhunderts und das Staatsschauspiel Dresden, nun ja, weltberühmt in Dresden. Am Kleinen Haus hatte am Samstag »Die Katze auf dem heißen Blechdach« Premiere.

Big Daddy (Albrecht Goette) feiert 65.Geburtstag und wird von seinem Arzt und seiner Familie angelogen, er sei kerngesund und nicht dem Tod geweiht; seine »Big Mama« genannte Frau (Helga Werner), von der er behauptet, sie nie gemocht zu haben, weiß auch nicht Bescheid. Eine riesige Plantage hat Big Daddy aufgebaut und ein riesiges Vermögen angehäuft. Beides wollen Gooper (Thomas Eisen), sein jüngster Sohn, und dessen Frau Mae für sich. Brick, der ältere Sohn und erklärte Liebling des Vaters, ist ein ehemaliger Sportler und seit dem Tod seines Freundes Skipper alkoholsüchtig. Zwar hält seine Frau Maggie zu ihm, aber er gibt ihr mehr oder weniger die Schuld für Skippers Selbstmord. Zur Party kommen alle zusammen.

Wer Richard Brooks’ legendäre Verfilmung von 1958 kennt, wird in Dresden zumindest kurz hin- und hergerissen sein. Zwar spielt die Inszenierung von Sabine Auf der Heyde das Thema Homosexualität nicht herunter, wie es 1958 fast zwangsläufig für die US-amerikanischen Kinos geschah, doch Brisanz gewinnt das Bühnengeschehen dadurch nicht. Das wortgewaltige Stück um Macht und Habgier, Bosheit und Eitelkeit, verletzte Gefühle und verlorene Liebe wird wie das vorletzte Kapitel einer Geschichte erzählt: Die Zusammenfassung des Geschehenen baut eine Ahnung des Kommenden auf, und alles wird garniert mit lautstark geschauspielerten Emotionen. Das berührt herzlich wenig und stellt, kaum zu glauben bei einem Tennessee-Williams-Text, die Frage: Was soll’s?

In Zeiten, in denen jeder einen Therapeuten hat, selbst wenn er ihn »Kommunikationstrainer« nennt, und Scheidungen zum guten Ton gehören, will die Inszenierung einfach nicht funktionieren. Von der berühmten Systemkritik der Verfilmung hat man sich auch nicht beeinflussen lassen, trotz aller Erbschaftsmunkeleien rutscht dieser Aspekt einfach weg. Dazu kommt, daß Matthias Reichwald und Sonja Beißwenger als Brick und Maggie, anders als Paul Newman und Elizabeth Taylor in diesen Rollen, keine Leiderfahrung vermitteln und nicht das schauspielerische Zentrum bilden. Das verlagert sich auf Albrecht Goette und Helga Werner als Big Daddy und Big Mama: Glück für die Inszenierung, die so vor der völligen Belanglosigkeit bewahrt wird und wenigstens partiell, bei Auftritt dieser beiden großartigen Schauspieler, die ungeheure Dramatik der Charaktere vermittelt. Was hier im Talkessel versenkt wird, ist ein großartiges Stück: so what?

Nächste Vorführungen: 9. u. 11.12., 12. u. 26.1., jeweils 19.30 Uhr

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