Die Party ist vorbei


Wo ist Westberlin geblieben? Man kann es auf den Fotos von Nan Goldin wiederfinden

Nan Goldin: »Bea with the blue drink«, 1984 (links Florian Koerner von Gustorf, Drummer der Band Mutter und späterer Filmproduzent, links außen Wolfgang Müller von der Tödlichen Doris) Foto: Nan Goldin

Nan Goldin: »Bea with the blue drink«, 1984 (links Florian Koerner von Gustorf, Drummer der Band Mutter und späterer Filmproduzent, links außen Wolfgang Müller von der Tödlichen Doris) Foto: Nan Goldin

Und wieder werden Fotos von Nan Goldin in Berlin ausgestellt. Gab es vor knapp einem Jahr eine große Ausstellung bei C/O, ist jetzt die Berlinische Galerie dran. Gezeigt werden hauptsächlich Fotos aus Goldins Berliner Zeit. Da freut sich die Lokalpresse unds veröffentlicht ausführliche Lobeshymnen. Und da freut sich der neue Direktor der Berlinischen Galerie, Thomas Köhler, der mit Goldin seinen Einstand gibt.

Nan Goldin wurde 1953 in Washington D.C. geboren. 1982 war sie auf Einladung von Alf Bold, dem damaligen Leiter des Arsenal-Kinos, zum ersten Mal in Wetsberlin. Bis in die frühen Neunziger folgten viele weitere Aufenthalte. Die interessante Künstlerboheme, die sehr vitale schwule Szene und die teilweise bizarren Kneipen stießen bei Goldin auf großes Interesse. Ihre Westberliner Bilder widerlegen die Behauptung, Westberlin wäre kulturell uninteressant gewesen. Tatsächlich trafen hier Menschen, die sich vor der Bundeswehr und/oder der westdeutschen Betulichkeit in Sicherheit brachten, aufeinander und machten vorzugsweise die Nacht zum Tag, wie im »Dschungel« in der Nürnberger Straße oder der »Ruine« am Winterfeldtplatz. Das Fehlen der sogenannten Polizeistunde war die beste Voraussetzung für solche Biotope.

Der Viermächtestatus der Stadt machte deren vom Umland abgeschnittenen Westteil zu einer Art Raumlabor, in der viele kulturelle Projekte möglich waren, obwohl sie ökonomisch katastrophal liefen. Da wurde viel Bundesgeld reingepumpt, um Westberlin als vitalen und liberalen Pfahl im Fleisch der DDR zu zeigen. Hinzu kamen sozialer Protest, eine immer noch politische Studentenschaft und eine radikale Hausbesetzerbewegung, die die stadtplanerische Kahlschlagpolitik der Betonmafia erfolgreich in die Schranken wies. Diese merkwürdige Melange hatte einen erheblichen Einfluß auf die kulturelle Atmosphäre. Institutionen wie der DAAD sorgten dafür, daß viele wichtige ausländische Künstler den Weg nach Westberlin fanden. Einige wie Dorothy Ianonne, Emmett Williams oder Edward und Nancy Kienholz blieben für längere Zeit hier. Künstler dagegen, die in Berlin ihre Karriere begannen, wie z.B. einige Künstler der Galerie Großgörschen in den 60ern, wanderten ab ins Rheinland, wo die finanzkräftigen Sammler lebten. Und genau weil in der Kultur noch nicht das Primat der Ökonomie durchgesetzt war, ging das sozialpolitische Experiment in Westberlin weiter.

Marius Babias befand später: »Am 9.11.89 fing die ganze Scheiße an.« Kurz danach weckte die Hausbesetzerszene im Ostteil nochmals die guten Geister, danach folgten Katzenjammer und der Einzug der jungen marktgängigen »Talente«, Hunderte von Galerien, Clubs, Jungunternehmer eroberten vor allem den Ostteil und vertrieben die alteingesessene Bevölkerung.

Aus der alten Westberliner Zeit und den ersten Aufbruchsjahren nach dem Mauerfall stammen Goldins Bilder. Sie wecken gleichermaßen Erinnerungen wie Gefühle der Melancholie, da sie das unwiederbringliche Verschwinden einer Epoche demonstrieren. Darunter befinden sich auch Porträts von Alf Bold und Nikolaus Utermöhlen, die 1994 bzw. 1996 an AIDS starben. Utermöhlen war neben Wolfgang Müller und Käthe Kruse Gründungsmitglied der »Tödlichen Doris«. Käthe Kruse ist auf mehreren Bildern Goldins zu sehen. Die Porträts entstanden immer spontan. Egal, an welchen Schauplätzen Goldin fotografierte, sei es Schlafzimmer, Küche, Badezimmer oder Bar, die Porträtierten standen stets in direktem Kontakt bzw. in einem freundschaftlichen Verhältnis zu Goldin und ihrer Kamera. Die nackte Amanda im Wasserbecken der Hotelsauna des »Savoys«, Piotr Nathan im Bademantel am Küchentisch, oder ein gewisser David im Bett lümmelnd – nie wirken diese Bilder gestellt und gekünstelt. Sie sind aus großer intimer Nähe geschossen. Nacktheit ist bei Goldin nicht skandalös, sondern der zufälligen Situation geschuldet. Die Tristesse nach der großen Euphorie einer durchzechten Nacht zeigt sich in den Gesichtern. Immer wieder die große Party und dann der Katzenjammer. Goldins Bilder machen beides auf wunderschöne und betörend traurige Weise sichtbar.

Bis 28.3., Berlinische Galerie

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2 Antworten zu Die Party ist vorbei

  1. Alf schreibt:

    Endlich auch mal schwule Seiten die nicht nur aus Sex bestehen, eine Seltenheit. Prima!

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