Irak: Demokratie und Menschrechte sind noch nicht angekommen


Saif musste sterben, weil er sich westlich kleidete und als schwul galt: Im Irak greift eine Mordserie um sich, der Teenager aus der Emo-Szene zum Opfer fallen. Der Staat wirft den Anhängern vor, Satanismus zu propagieren – und hat zur Jagd auf die Jugendlichen geblasen. Mit fatalen Folgen.

Einige haben sich inzwischen die Haare schneiden lassen, andere die Röhrenjeans gegen weite Hosen ausgetauscht. Viele trauen sich nicht mehr aus dem Haus. Alle haben Angst. Sie fürchten, es könnte ihnen so gehen wie Saif Raad, einem 20-jährigen Iraker, dessen Tod zum Symbol für den Konflikt zwischen einer sturzkonservativen Gesellschaft und einer erwachenden Jugendkultur geworden ist.

Ein Foto aus besseren Tagen zeigt Saif im weißen Sakko mit Pilotenbrille und gegelten Haarfransen. „Saif, die Braut“ nannten sie ihn, berichteten Freunde. Bekannt aber wurde er durch ein jüngeres Foto. Dort sieht man ihn mit eingeschlagenem Schädel auf der Ladefläche eines Polizeiwagens. Saif Raad, so der Vorwurf, war „Emo“.

In Amerika entstand „Emo“ als Subgenre des Punkrock. Im Irak ist „Emo“ eine Mischung aus Punk, Hiphop und Gothic, ein Sammelbegriff für Jugendliche mit engen Hosen, schwarzen Hemden und längeren Haaren – oder einfach für alle, die nach Jahren des Krieges und der Not soziale Freiheiten wollen, sich westlich kleiden. Vor allem aber: „Emos“ gelten als schwul.
Mit Zementblöcken und Ziegelsteinen erschlagen

Mitte Februar hatte das Innenministerium zur Jagd geblasen: „Emos“ trügen Ringe in Zunge und Nase und Bilder von Totenschädeln auf ihren T-Shirts, sie propagierten „Satanismus“. Die Sittenpolizei solle dem schädlichen Phänomen in den Schulen Einhalt gebieten, hieß es. Seitdem sind nach inoffiziellen Angaben des Ministeriums und irakischer Ärzte 14 Jugendliche umgebracht worden, mit Zementblöcken erschlagen, mit Ziegelsteinen oder sogar mit Hämmern. Aktivisten sprechen von weit mehr Opfern – und dies vor dem Arabischen Gipfel Ende März, der das Land nach dem Abzug der Amerikaner Ende 2011 als funktionierenden Staat in die arabische Völkerfamilie zurückführen soll.

Jahrelang kämpften im Irak Sunniten gegen Schiiten, Aufständische gegen Besatzer, seit ein paar Jahren ist es ruhiger geworden. Aber nun greift diese furchtbare Mordserie um sich, und der Staat scheint wieder einmal nicht imstande, seine Bürger zu schützen. Vor allem in den schiitischen Vororten Bagdads wie dem gigantischen Reißbrettviertel Sadr-City, wo die Menschen arm sind und die Milizen stark, wo diese vor Jahren noch Musik und sogar Brautkleider verboten hatten, herrscht unter Jugendlichen blanke Panik.

Flugblätter kursieren, einige fordern die Jugendlichen auf, keine Rap-Musik zu hören und die Haare zu schneiden, „sonst wird euch Gottes Strafe treffen“. Andere listen Namen und Adressen auf, berichtet die New York Times, sogar die Spitznamen, „Heidar, der Japaner“, „Allawi, der BH“, „Mohammed, die Blume“, oder eben „Saif, die Braut“.
„Und das alles nur, weil wir uns schwarz anziehen?“

Und niemand will es gewesen sein. Moqtada al-Sadr, der radikale Schiitenprediger und Milizenchef, weist – inzwischen zum Politiker gewandelt – alle Verantwortung von sich. Gewiss, „Emos“ seien eine Krankheit der Gesellschaft, aber sie müssten mit juristischen Mitteln beseitigt werden, nicht durch Gewalt. Der mächtige schiitische Ajatollah Ali al-Sistani verurteilte die Angriffe als „Terrorattacken“.

Die betroffenen Jugendlichen beruhigt das nicht. Schwule werden in vielen Ländern des Nahen Ostens verfolgt. Aber ein Mord wegen des falschen T-Shirts – das ist selbst für Irak neu. „Und das alles nur, weil wir uns schwarz anziehen?“, fragte ein Mädchen aus Bagdad verzweifelt. Dann floh sie mit ihrer Familie aus der Stadt.

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