Ausblick auf den Christopher Street Day in Berlin


Anlaß des Christopher Street Days ist immer noch das militante Aufbegehren sogenannter sexueller Minderheiten im Juni 1969 in der New Yorker Christopher Street, wo sich Lesben, Schwule und Transsexuelle erstmals militant gegen eine Serie brutaler Polizeiübergriffe und Razzien zur Wehr setzten. Von dem Widerstandsgeist der Regenbogen-Community aus früheren Zeiten aber ist vor der nächsten CSD-Parade am Samstag durch Berlin kaum etwas übrig geblieben. Die zumindest in ihrer Entstehungsgeschichte mit politischen Forderungen gespickte Berliner CSD-Demonstration wurde zu einem bestenfalls karnevalesk anmutenden Umzug transformiert. Viel Platz wird Großkonzernen eingeräumt, damit diese um die angeblich finanzstarken Lesben und Schwulen buhlen können. Im offiziellen CSD-Magazin bewirbt etwa der Autohersteller Ford seine Produkte zielgruppengerecht unter der Überschrift »Weißer Lack – schwarzes Leder« und das »HIV-Team« des Pharmariesen Abbot wünscht den potentiell Infizierten »einen schönen CSD«.

»Alljährlich gleiche Werbekulisse«: CSD 2011 mit Rewe-Logo  Foto: dapd

»Alljährlich gleiche Werbekulisse«: CSD 2011 mit Rewe-Logo
Foto: dapd

Wer nun denkt, daß wenigstens die Linkspartei der Kommerzialisierung ein bißchen Kritik entgegenstellen würde, irrt gewaltig. In trauter Eintracht etwa mit den »Lesben und Schwulen in der Union« und anderen parteigebundenen Interessensgruppen Andersartiger denkt die schwule Funktionärskaste der Berliner Linkspartei keineswegs daran, den CSD wieder mit linken Inhalten zu füllen. So läßt – der offiziell dem »demokratischen Sozialismus« verschriebene – Männerbund um den Berliner Landesvorsitzenden Klaus Lederer und den ehemaligen Landesgeschäftsführer Carsten Schatz nahezu keine Möglichkeit ungenuzt, ganz ohne Not eine Homopolitik zu protegieren, die nicht nur in der linken Lesben- und Schwulenbewegung auf massive Ablehnung stößt, sondern – etwa in punkto Öffnung der Ehe – selbst bei schwulen und lesbischen Parteigängern von SPD und FDP auf keinerlei Gegenliebe stößt.

Es verwundert daher auch keineswegs, daß die Berliner Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) »Queer« der Linkspartei einen vom Büro der Linke-Bundestagsabgeordneten Barbara Höll zu verantworteten CSD-Flyer trotz massiver Ablehnung weiter unter das schwul-lesbische Volk bringt. Dieser Flyer wirbt für die Ehe, verstärkt antirussische Reflexe und verfälscht ganz gehörig die Geschichte. Höll kritisiert darin etwa die homofeindliche Gesetzgebung Rußlands als einen »Rückfall ins Mittelalter«, woraufhin sich die »LAG Queer« aus Nordrhein-Westfalen zu einer Stellungnahme gegen die Instrumentalisierung der Menschenrechtspolitik genötigt sah: »Wir haben selten eine so geschichtsklitternde Darstellung gelesen. Denn bis zur Oktoberrevolution – und die war nicht im Mittelalter – waren die Aufklärung über Homosexualität und homosexuelle Handlungen in Rußland unter Strafe gestellt. Die unmittelbar mit der Revolution von Lenin eingeleiteten Sexualreformen – die leider wenige Jahre später bereits zurückgefahren wurden – führten zu sexuellen Freiheiten, die vorbildlich waren«, konstatieren die Lesben und Schwulen in der jW vorliegenden Stellungnahme.

Demgegenüber galt in der BRD bis 1969 der von den Nazis verschärfte Paragraph 175 des Strafgesetzbuches, der Homosexualität unter Strafe stellte. In einem Regierungsentwurf des Adenauer-Regimes zu diesem Paragraphen von 1962 galt es, »durch die sittenbildende Kraft des Strafgesetzes einen Damm gegen die Ausbreitung eines lasterhaften Treibens zu errichten, das, wenn es um sich griffe, eine schwere Gefahr für eine gesunde und natürliche Lebensordnung im Volke bedeuten würde«. 1994 wurde der Paragraph aufgrund der Rechtsangleichung der beiden deutschen Staaten in der BRD abgeschafft.

Kritik am morgigen Aufmarsch der selbsternannten schwul-lesbischen Elite in Berlin kommt indes auch von Gottfried Ensslin, dem Bruder der RAF-Mitbegründerin Gudrun Ensslin. »Ich hätte mir gewünscht, die CSD-Organisatoren hätten endlich einmal wieder auf gesamtgesellschaftliche Inhalte gesetzt und nicht auf die alljährlich gleiche Werbekulisse für Parteien und Kommerz. Sie beschwören zwar jedesmal das Gründungsereignis des militanten Stonewall-Aufstandes und hätten gern eine kleine Prise davon auf handgemalten Plakaten, aber bitte nur in leicht bekömmlicher Dosis«, so Ensslin, der sich über Jahrzehnte in schwulen und linken Organisationen engagiert hat und in den 70er Jahren Mitglied der legendären »Roten Zelle Schwul« war, am Donnerstag im Gespräch mit dieser Zeitung.

Es wäre nötig gewesen, zwei Themen aufzugreifen, sagt Ensslin: »Die mörderischen Angriffe der Neonazis auf Minderheiten, aber auch die in der schwul-lesbischen Szene selbst vorhandenen rassistischen Stereotype hätten es dringend geboten, ein breites Bündnis gegen rechts zu schmieden. Oder man hätte ein Zeichen gegen die tägliche Hetze der Springer-Presse gesetzt und Solidarität mit dem maßgeblich von Deutschland gebeutelten Griechenland gezeigt, dem Land von Sappho, Sokrates und des Hermaphroditen«.

Wer am Sonnabend in der Hauptstadt tatsächlich mit Tausenden linken Transen, Leben und Schwulen auf die Straße gehen will, um gegen Rassimus und die bürgerliche Konsenssoße zu demonstrieren, für die Gleichstellung aller Lebensweisen, dem sei der »Transgeniale CSD« ans Herz gelegt, der in diesem Jahr unter dem Motto »Antifaschistisch, queerfeministisch, antirassistisch, solidarisch!« stattfindet. Zu den Unterstützern zählen »AG Schwule« und »Antifaschistische Revolutionäre Aktion Berlin«. Die jedenfalls will nach Auskunft einer Sprecherin »nicht in den Arsch der Herrschenden kriechen, sondern eine offensive radikal linke Politik betreiben«.

Transgenialer CSD am Sa., 13 Uhr, Treptower Park (Elsenstr.), Abschlußkundgebung ab 18 Uhr auf dem Heinrichplatz

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Eine Antwort zu Ausblick auf den Christopher Street Day in Berlin

  1. Manfred schreibt:

    Der Artikel war schon längst überfällig. Ich (56J) hab mich seit Mitte der 70ger stark bei Familie, Kollegen, Sportvereinen und Bekanntenkreis für Schwule eingesetzt. Ich bin da echte Risiken eingegangen. Daher bin ich sehr schockiert, wie die Schwulen, sich jetzt für Natopropaganda und antikommunistische Hetze missbrauchen lassen. Während in der BRD in den 70gern Hetze und brutalste Gewalt gegen Schwule staatlich gefördert wurde, gab es in der guten alten DDR massenweise, aber kleine familiäre Schwulenszenen. Das Schwulenklatschen inclusive Tötung war dort unbekannt. Von daher erübrigten sich auch – heute von RECHTS/BILDZEITUNG infiltrierte – CSD Bewegungen.

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